Die Notwendigkeit von Rassismus in der Medizin

Die neue Rassenfrage

Menschen sind unterschiedlich anfällig für Krankheiten und reagieren verschieden auf Heilmittel. ­Genetische Unterschiede zwischen den Ethnien wurden in der Medizin lange tabuisiert. Nun gewinnen sie in der ­Pharmaforschung an Bedeutung.
Von Alex Reichmuth

Recherchen zum Thema Rassenmedizin sind nicht ganz einfach. Sprecher von Bundesbehörden bekommen bei diesem Stichwort nach eigenem Bekunden «Hühnerhaut». Und Vertreter von Pharmaunternehmen informieren nur unter der Zusicherung, sie auf keinen Fall namentlich zu erwähnen.

Erstaunlich ist das nicht. Die Menschheit in Rassen zu unterteilen, gilt, mit Blick auf die Gräueltaten der Nazis, als heikel. In den ­Augen vieler Wissenschaftler sind menschliche Rassen ein «soziales Konstrukt» ohne biologische Grundlage. Vor allem Anthropologen sind überzeugt, dass äussere Unterschiede bezüglich Hauttyp oder Haarfarbe nur oberfläch­liche Anpassungen an klimatische Bedingungen sind, die nicht auf grundlegende ge- netische Verschiedenheit schliessen lassen. 1995 hat die Uno-Organisation Unesco den Begriff Rasse darum als «nutzlos» bezeichnet. Die US-Vereinigung der Anthropologen verkündete drei Jahre später, von Rassen zu sprechen, entspreche einer «Weltsicht, die unsere Vorstellung von menschlichen Unterschieden und Gruppenverhalten entstellt». Eine nach Rassen orientierte Medizin stösst darum oft auf Ablehnung. «Ethnienspezifische Medizin» bedeute «Rassismus durch die Hintertür», mahnte etwa Troy Duster, schwarzer Präsident der American Sociological Association.

Doch gerade in der Medizin zeigt sich, wie unsinnig es ist, über wesentliche genetische Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Herkunft hinwegzusehen. Denn es gibt wohl kaum ein gesundheitliches Pro­blem, das alle Menschen ungeachtet ihrer Abstammung gleichermassen betrifft.
Afrikaner häufig im Nachteil

Da sind einmal Krankheiten, die direkt auf ­einen bestimmten Gen-Defekt zurückzuführen sind: Die tödliche zystische Fibrose tritt bei Weissen sechsmal häufiger auf als bei Schwarzen und zehnmal häufiger als bei Asiaten. Die Sichelzellenanämie, eine gefährliche vererbbare Blutarmut, trifft hingegen besonders oft Menschen im Mittelmeerraum und in Afrika. Und das Tay-Sachs-Syndrom, eine Erbkrankheit, die zu stark verminderter Intelligenz und Erblindung führt, kommt besonders häufig bei Juden osteuropäischer Herkunft vor.

Aber auch bei bekannteren und weiter verbreiteten Krankheiten unterscheidet die Natur nach Rassen. Auffällig ist, dass in vielen Fällen dunkelhäutige Afrikaner im Nachteil sind. So erkranken schwarze Männer etwa doppelt so oft an Prostatakrebs wie weisse Männer. Schwarze Frauen haben das höchste Risiko für Brustkrebs. In Amerika leiden ­Menschen afrikanischer Abstammung viel häufiger an Bluthochdruck und sterben etwa doppelt so oft an Herzinfarkten wie weisse Menschen. Auch das Risiko eines Hirnschlags ist gegenüber dem von Weissen signifikant ­höher. Zudem leiden deutlich mehr afroamerikanische Frauen an Osteoporose als weisse Amerikanerinnen. Auch Demenz betrifft Afroamerikaner deutlich häufiger als weisse Amerikaner. Schwarzhäutige Amerikanerinnen sterben doppelt so oft nach einer Geburt als hellhäutige, und ihre Babys erleiden viel häufiger den plötzlichen Kindstod.

Bei Aids haben Afrikaner ebenfalls schlechte Karten: Bei HIV-positiven Männern überleben Weisse eher, wie eine Studie unter ehemaligen US-Soldaten zeigte. Nur bei einigen Krankheiten sind Afrikaner im Vorteil: Sie sind öfter als Weisse resistent gegen Malaria. Und sie bekommen wegen ihrer dunklen Haut seltener Hautkrebs.

Natürlich sind solche Differenzen nicht immer auf genetische Ursachen zurückzuführen. Faktoren wie Ernährung, Lebensstil oder ärztliche Versorgung, die sich ebenfalls auf die Gesundheit auswirken, unterscheiden sich unter ethnischen Gruppen zum Teil deutlich. Dass Afroamerikanerinnen zum Beispiel häufiger übergewichtig sind als weisse Amerikanerinnen, ist sicher teilweise auf schlechtere Ernährung zurückzuführen. Auch dass schwarze Amerikaner häufiger an Diabetes und Bluthochdruck leiden und darum öfter von einem Herzschlag betroffen sind, ist wohl durch ungünstige Ernährungsgewohnheiten und schlechtere medizinische Versorgung mit­verursacht.

Doch wissenschaftliche Ergebnisse zeigen, dass genetische Unterschiede auch bei vielen medizinischen Problemen mitspielen, wo man dies nicht a priori erwarten würde. Dass Afroamerikaner zum Beispiel häufiger Lungenkrebs bekommen als Amerikaner europäischer, japanischer und lateinamerikanischer Abstammung, liegt nicht daran, dass sie mehr rauchen. Vielmehr konnten Forscher Gene identifizieren, die das Risiko für Lungenkrebs bei bestimmten Ethnien erhöhen. So ist es auch bei Brustkrebs: Eine im letzten Frühling publizierte Studie wies nach, dass schwarze Frauen besonders häufig eine Genkonstellation aufweisen, die ein erhöhtes Brustkrebsrisiko bedeutet.
Wärmeempfindliche Rothaarige

Schwarze Amerikanerinnen wiederum sterben auch dann häufiger nach dem Gebären, wenn sie medizinisch gleich gut wie weisse Frauen versorgt werden. Auch der weitaus häufigere plötzliche Kindstod unter Schwarzen ist nicht auf Vernachlässigung zurückzuführen. Wissenschaftler haben eine Mutation eines speziellen Eiweisses im Herz entdeckt, welches das Sterberisiko afroamerikanischer Säuglinge um das 24fache erhöht. Auch bei Bluthochdruck spielen Gene eine Rolle: Eine amerikanische Studie wies nach, dass Menschen aus warmen Regionen häufiger daran leiden als solche aus kalten Regionen – wegen einer Genvariation, die in Äquatornähe viel ­öfter vorkommt.

Es gibt auch Kurioses bezüglich der Art, wie sich genetische Konstellationen auswirken: Asiaten vertragen weniger Alkohol als Euro­päer und bekommen beim Genuss von Bier, Wein und Spirituosen schneller den «Asian flush», eine typische Errötung der Haut am ganzen Körper. Menschen mit roten Haaren reagieren wahrscheinlich besonders empfindlich auf Kälte- und Hitzereize, ertragen dafür Nadelstiche besser als dunkelhaarige Menschen. ­Eine Besonderheit aus der Schweiz kennt Gert Printzen, Leiter Heilmittel bei der ärztlichen Vereinigung FMH: In gewissen Tälern Graubündens gebe es Familien, deren Angehörige Narkosemittel viel langsamer abbauten als normal. «Das kann bei Operationen schnell zu einem tödlichen Risiko werden», so Printzen.

Menschen unterschiedlicher Rassen reagieren auch verschieden auf medizinische Wirkstoffe. Schmerzmittel zum Beispiel wirken bei Asiaten oft stärker als bei anderen Menschen. Das liegt vermutlich daran, dass sie ein Leberenzym aufweisen, das mutiert hat und deswegen Arzneimittel nicht so schnell abbauen. 2002 berichtete das New England Journal of Medicine, dass das Herzmedikament Enalapril bei Schwarzen schlechter wirkt als bei Weissen. Letztes Jahr wurde bekannt, dass Afroamerikaner besonders gut auf das Diabetes-Medikament Tradjenta ansprechen. Gemäss dem Fachjournal Nature Genetics konnten schon 2004 mindestens 29 Medikamente eruiert werden, die bei bestimmten Bevölkerungsgruppen unterschiedlich wirken – aufgrund genetischer Differenzen.

Die Pharmaforschung hat die Bedeutung solcher Unterschiede schon seit einigen Jahren erkannt. 2005 kam in den USA mit Bidil erstmals ein rassenspezifisches Medikament auf den Markt. Dieses Herzmittel war nur für afroamerikanische Männer zugelassen. Die Herstellerfirma hatte Tests durchgeführt, in denen Bidil das Sterberisiko von männlichen Schwarzen deutlich gesenkt hatte. Bei anderen Bevölkerungsgruppen war hingegen keine Wirkung nachweisbar. Allerdings waren diese Resultate umstritten. Die wissenschaftliche Qualität der Tests, die eine Wirkung von Bidil bei Schwarzen zeigte, sei zweifelhaft gewesen, sagt Gert Printzen von der FMH. ­Jedenfalls erwies sich dieses Medikament als Verkaufsflop.

Bidil befeuerte in den USA aber die seit langem schwelende Diskussion, ob Rassenmedizin sinnvoll oder ethisch verwerflich sei. Pikanterweise hatte die Vereinigung afroame- rikanischer Herzspezialisten die Zulassung von Bidil nur für Schwarze begrüsst. Als erbitterter Gegner rassenspezifischer Zulassungen zeigte sich hingegen der Biochemiker Craig Venter, einer der Pioniere bei der Aufschlüsselung des menschlichen Genoms. Weil Medikamente auch zwischen Angehörigen der gleichen Ethnie unterschiedlich wirken könnten, habe «eine rassenbasierte Medizin keine wissenschaftliche Grundlage», meinte Venter 2008 gegenüber dem New Scientist.
Unter Rassismusverdacht

Andere Gegner der Rassenmedizin argumentierten, diese führe zu Ausgrenzung und Stigmatisierung ethnischer Minderheiten, ja verletze sogar die Antidiskriminierungsge­setze der USA. Sally Satel, Psychiaterin aus New York und Autorin des Buchs «Wie politische Korrektheit die Medizin korrumpiert», geriet mit ihrer Forderung nach «rassenbasierter Medizin» denn auch prompt unter Rassismusverdacht.

Inzwischen sind viele Genetiker aufgrund neuer Erkenntnisse bei der Entschlüsselung des menschlichen Genoms zur Einsicht gekommen, dass die Unterteilung der Menschheit in Rassen doch Sinn macht. «Dass Rassen keine biologische Grundlage haben, stimmt wohl nicht mehr», sagte etwa der US-amerikanische Genetiker Francis Collins von den Na­tionalen Gesundheitsinstituten der USA. Den Vorwurf des Rassismus weisen solche Wissenschaftler zurück. «Auch wenn wir Menschen unterschiedlich behandeln, haben sie schliesslich immer noch die gleichen Rechte», meinte Collins Fachkollege Jerome Rotter. Es sei ethisch vielmehr verwerflich, Rassenunterschiede zu verneinen, sagen Befürworter ethnienspezifischer Medizin. Denn damit werde den Menschen die bestmögliche medizinische Versorgung vorenthalten. Wenn man genetische Unterschiede unter den Tisch fallenlasse, «erweisen wir Minoritäten letztlich einen Bärendienst», sagte der amerikanische Genetiker Neil Risch.
Medikamente wie Bidil, die nur für bestimmte ethnische Gruppen zugelassen sind, bleiben bis heute zwar eine Ausnahme. In klinischen Tests wird heute aber darauf geachtet, Wirkstoffe nicht nur wie früher fast ausschliesslich bei Weissen zu testen, sondern auch Menschen anderer Hautfarbe einzubeziehen. «Ethnische Faktoren werden in allen Studien geprüft», bestätigt die Schweizer Heilmittelbehörde Swissmedic auf Anfrage. Die Behörden Chinas und Japans verlangen für die Zulassung von Medikamenten sogar spezielle Tests für ihren Bevölkerungstyp. Rassenmedizin ist somit Realität geworden – zumindest bei der Entwicklung neuer Heilmittel.

Text kopiert von  http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2013-44/die-neue-rassenfrage-die-weltwoche-ausgabe-442013.html

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s