Der Zusammenbruch der Wissenschaft

Der Zusammenbruch der Wissenschaften –  München 1924

von Hugo Drugler
„Es zeigt sich also, daß reale Umstände, die nicht unmittelbarer
Wahrnehmung zugänglich sind (denn nachdem Vergangenheit und
Zukunft, ferner in der Gegenwart alles nicht unmittelbar
Wahrgenommene ausgeschlossen ist, bleibt nur das unmittelbar
Wahrgenommene übrig) nicht mit voller Sicherheit des
Geschehens ausgesprochen werden können und es erhebt sich die
Frage, wie wir in der Lage sind, überhaupt etwas darüber
auszusagen. “
Vorbemerkung
Eines der größten Schauspiele der Weltgeschichte überhaupt, für uns Europäer aber das größte der
für uns wichtigen, ist der Untergang der Antike. Und gerade heute meinen wir zu fühlen, daß dieses
Geschehnis für uns von einer ganz besonders aktuellen symbolischen und prophetischen Bedeutung
sei. Ist doch ein Gefühl nach dem Weltkrieg und durch ihn unter uns aufgekommen, als ob auch wir
an einer solchen Weltenwende stünden.
Tiefer als mancher denkt, ist dieses Gefühl berechtigt, ganz besonders aber und
vielleicht grundlegend in geistiger Hinsicht. Denn der Untergang der griechisch-
römischen Antike wurde vorbereitet und eingeleitet, ja, ich möchte sagen, im
Geistigen direkt bedingt durch den Zusammenbruch der griechischen
Philosophie, der geschah, als sie sich mit tiefstem Erschrecken bewußt wurde, daß
die kühnen, klaren, echt griechischen Geisteskonstruktionen, die in der Mathematik,
in der theoretischen Wissenschaft überhaupt, in der apodeixis [Beweis – wp] den Zugang zu letzter,
letztester, absoluter Sicherheit zu bieten schienen, schließlich auch in ihrer Sicherheit angreifbar
waren und vor dem tiefsten kritischen Blick der letzten Fundamente entbehrten.
Im antiken Skeptizismus, dem viel zu wenig bekannten und in seiner Bedeutung gewürdigten, haben
wir den folgerichtigen Endzustand griechischer Philosophie vor uns und da auch er letzte
Sicherheit nur in der Aussage zu bieten vermochte, daß zurzeit solche Sicherheit nicht erreichbar
erscheine und deshalb Enthaltung die einzig mögliche Geisteshaltung sei, so war die Philosophie
reif, als Weg zur Lösung der tiefsten Fragen verlassen zu werden. Wie es dann auch geschah, indem
die Menschen zuletzt auch in dem, was der Vernunft vorbehalten sein sollte, in die Welt des Gefühls
flüchteten. Die antike griechische Geisteswelt brach zusammen.
Im Mittelalter ermannte sich die Menschheit langsam zu neuem Denken. Zunächst äußerlich in
Anknüpfung an die untergegangene Gedankenwelt der Griechen. Allmählich aber entstanden neue
Methoden in Mathematik, Physik und Philosophie, die zu neuen Erfolgen der Wissenschaft führten.
Nach und nach entwickelte sich eine methodologische Überzeugung über die Natur dieser
Forschungen. Man glaubte es jetzt besser und klüger angefangen zu haben als die alten Griechen.
Jetzt endlich glaubte man, den einzigen absolut unfehlbaren Weg zur Wissenschaft innezuhaben, es
war der Weg der induktiven Naturwissenschaft, des Experiments. Aber auch hier kamen nachJahrhunderten von sieghaften Erfolgen Schwierigkeiten und mit ihnen kritische Denker, die
nachzuforschen begannen, wie es mit dieser absoluten Sicherheit bestellt sei. Und es stellte sich
heraus und damit sind wir schon ganz nahe an unsere Zeit gekommen, daß wir nur Beschreibungen
vom Realen zu geben vermöchten. Die verschiedenartigsten Beschreibungen traten auf, jede mit
dem Anspruch auf Alleinrichtigkeit. Inzwischen aber wurden alle alten Gesetze der Wissenschaft in
Frage gestellt, kamen ins Wanken, neue traten an ihre Stelle, in immer kürzeren Zwischenräumen
wurden in ganzen Wissenschaften das Unterste zuoberst gekehrt und schließlich entstand der
Zustand, in dem wir uns befinden, den meist nur der wirklich sieht, der in den verschiedenen
Wissenschaften bis auf den Grund geht, der aber besteht und ständig und unaufhaltsam wächst: der
Zustand, wo nichts mehr wirklich sicher, alles möglich ist und zugleich auch alles behauptet wird,
wo es keine Basis und keine Richtlinien mehr gibt, nichts, nichts, was sicher wäre – mit einem Wort,
das Chaos, der Zusammenbruch. In dem stehen wir mitten drin. Das Publikum ahnt das nicht und
die Gelehrten verschließen oft krampfhaft die Augen. Aber früher oder später wird es allen offenbar
werden.
Nur wer den Dingen fest ins Gesicht blickt und den Mut hat, sie beim Namen zu nennen, kann
hoffen, einen Fels in der Sintflut zu finden. Die geistige Antike ist untergegangen, weil sie ihn nicht
zu finden vermochte. Wir wollen im folgenden dem Chaos ins Antlitz blicken, den Zusammenbruch
mit Bewußtsein erleben – und dann nach dem festen Boden suchen.
Dieser neue Zusammenbruch der Wissenschaft, in dem wir mitten darinnen stehen und der im
Zusammenbruch des Glaubens an die Sicherheit des experimentellen Prinzips besteht, ist noch
nicht soweit vorgeschritten, daß er in allen Einzelkammern des großen Gebäudes der Wissenschaft
schon bemerkbar wäre. Nur der, welcher offenen Auges die Fundamente durchforscht, erkennt ihn,
erkennt sein unaufhaltsames Fortschreiten, wenn nicht das Haus auf eine neue sichere Basis
gestellt wird. Inzwischen aber geht in den einzelnen Teilen, wo die Detailforscher arbeiten, die
nichts voneinander wissen und von dem was in den Nebenkammern gearbeitet wird, die
handwerkliche Forschung ruhig und scheinbar gesichert ihren Gang. Wir werden verstehen
lernen, wie diese scheinbare Sicherheit in einer Umgebung, wo alles wankt, zustande kommen, sich
vorspiegeln kann. Der Einzelforscher klammert sich an sie. Wenn er einmal zufällig einen Blick in
den Abgrund tut, drückt er wohl die Augen zu. Aber die Gesetze des Denkens sind unerbittlich. Auf
diese Weise läßt sich der Zusammenbruch nicht vermeiden.
I. Kapitel
Der Zusammenbruch der antiken Philosophie
§ 1. Das Wahrheitsproblem
Stets mußte es das Ziel allen ernsthaften Philosophierens sein, eine endgültige, unumstößliche
Philosophie zu erreichen, aufzustellen. Auch in Fällen, wo ein Philosophierender dies nicht
ausdrücklich aussprach, mußte im Stillen ein solches Ziel vorschweben, denn jeder die Sache
wollende Philosophie muß wünschen, daß seine Aufstellungen von größtmöglicher Dauer seien,
dies aber ist die unbegrenzte Dauer. Denn gerade dadurch unterscheiden wir den theoretischenPhilosophen vom Politiker, Tagesschriftsteller oder Rhetor, daß er mit dem Anspruch auftritt, das,
was er sagt, nicht für den Tag und die Stunde zu sagen, sondern für alle denkbare Dauer und daß er
deshalb darauf verzichtet, seine Meinung nach den ökonomischen wirtschaftlichen Forderungen
der Stunde zu formen, soweit solche Forderungen überhaupt in seine vom Getriebe des Alltags
vielfach ferne Tätigkeit hineinragen.
Solch tagesfernes Ewigkeitswerk, dessen Bearbeitung und Erledigung für die Menschheit ebenso
nötig ist wie alle die praktischen Dinge, hat aber zuletzt dennoch tiefgehendste Wirkung auch auf
die praktische Seite des Daseins, da es notwendig dazu führt, auch die praktischen Dinge in der Art
zu behandeln, wie das der wahren Vernunft am meisten gemäß ist.
Man kann nun bei jedem Satz der Wissenschaft, welcher mit dem Anspruch von Wahrheit, Geltung,
Richtigkeit, Bewiesenheit an mich herantritt, fragen, wodurch er diesen seinen Anspruch
begründet. Alle diese vier Ausdrücke Wahrheit, Geltung, Richtigkeit, Bewiesenheit haben nun in den
philosophischen und methodologischen Untersuchungen mehrfache genauere
Bedeutungsbestimmungen erfahren, die nicht nur für diese vier Termini unter sicht, sondern auch
für jeden einzelnen von ihnen bei den einzelnen Autoren meist recht verschieden sind. Dies ist der
Grund, warum es sehr schwer ist, über diese Dinge so zu sprechen, daß man in dem, was man
eindeutig meint, auch eindeutig verstanden wird.
Wir wollen zunächst kurz den Tatbestand, wie er sich bei naiver phänomenologischer Betrachtung
darbietet, betrachten.
Wir sprechen im täglichen Leben in Sätzen unserer Sprache und unterscheiden (besonders bei
unseren Kindern – bei Erwachsenen haben diese Begriffe eine andere Bedeutung!) Wahrheit und
Lüge im Hinblick auf solche Sätze, soweit sie eine Aussage enthalten. Wir alle wissen, daß es vom
praktischen Gesichtspunkt aus viele Fälle gibt, wo wir eine Lüge direkt feststellen können, daß es
aber auch Fälle gibt, wo es recht schwer und manchmal unmöglich ist, Wahrheit und Lüge zu
unterscheiden, Fälle, wo beide untrennbar zusammenfließen.
Neben dem praktischen Leben haben wir die sogenannte Wissenschaft. Diese besteht in großen
Gruppen von Sätzen, die sämtlich mit dem Anspruch auftreten, „richtig“ zu sein, oder „wahr“ zu
sein. Die direkte, bewußte „Lüge“ ist in diesem Gebiet in weitem Maß durch starke öffentliche
Kontrolle ausgeschlossen. Dagegen tritt hier die Unterscheidung von richtig und nicht richtig auf,
indem nach bestimmten Kriterien festgestellt oder festzustellen versucht wird, ob ein bestimmter
Wissenschaftler in einem bestimmten Fall einen richtigen Satz aufgestellt hat, oder einen
nichtrichtigen, indem er sich „getäuscht“ hat, einen „Fehler“ gemacht hat.
Irgendwie also werden hier nicht näher genannte Instanzen stillschweigend und implizit anerkannt,
die jenseits der Willkür des einzelnen den Maßstab dafür liefern, ob ein von ihm ausgesprochener
Satz als annehmbar oder als zu verwerfen anzusehen ist. Dies ist die Hauptsache, daß diese
Instanzen jenseits der Willkür des einzelnen liegen. Dann liegen hier also Etwasse vor, die eine in
der genannten Richtung sozusagen selbständige Macht darstellen, welche unabhängig von der
Willkür des einzelnen ist. In der Erforschung dieser Mächte, dieser Instanzen, muß natürlich letztenEndes alle Lehre von Aussagen überhaupt und damit auch alle Erkenntnistheorie gipfeln.
Es ist daher unsere nächste Aufgabe, die für diese Erforschung vorliegenden Möglichkeiten zu
überdenken.
§ 2. Die Ungewißheiten
Die uns gewohnte, schon im Naiven bestehende Zeitempfindung läßt uns Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft unterscheiden, die sich zeitlich gegenseitig ausschließen. In dieser Ausdrucksweise ist
es eine allgemein angenommene Sache, daß wir über die Zukunft nichts Gewisses wissen. Auch
erfahren wir von dieser Anschauung aus tatsächlich fortwährend die Richtigkeit dieses Satzes. Wir
pflegen uns auszudrücken, daß nur die Gegenwart unmittelbare Wahrnehmung sei. Da nur letztere
als völlig unzweifelhaft gilt, so ist die Gegenwart als unzweifelhaft damit bezeichnet.
Auch die Vergangenheit ist uns weitgehend unbekannt und ungewiß. Da nur die Gegenwart
unmittelbare Wahrnehmung ist, so ist die Vergangenheit es nicht. Und da nur die unmittelbare
Wahrnehmung für völlig unzweifelhaft gilt, so ist die Vergangenheit auch von diesem Prädikat
ausgeschlossen.
Aber auch innerhalb des Gegenwärtigen gibt es Ungewißheiten. Wir treffen hier auf das „Problem
der Rückseiten“. Wie es hinter der von mir gesehenen Türe jetzt aussieht, kann ich nicht mit völliger
Gewißheit wissen. Ich habe in wechselnder Stärke praktische Sicherheitsgefühle darüber, wie es
dort aussieht, aber absolute Sicherheit nicht. Ebenso, wenn ich verreist bin und an meinen Wohnort
denke oder wenn ich aus meinem Bureau entfernt bin, kann ich nicht mit absoluter Gewißheit
wissen, wie es dort aussieht. Ich kann es mit einem je nach den näheren Umständen wechselnden
Maß von Sicherheit, niemals aber mit absoluter. Je länger ich von einem solchen Ort entfernt bin,
desto geringer wird die Sicherheit. Ein nach Amerika Ausgewanderter kann nicht wissen, was in
seiner Heimatstadt sich verändert hat.
So kann ich also nicht mit absoluter Gewißheit wissen, wie es hinter irgendeinem undurchsichtigen
Gegenstand aussieht, selbst wenn ich soeben dorthin gesehen habe. Alle Taschenspielereien, alle
Überraschungen, aller Okkultismus, aller Betrug beruhen auf diesem Nichtwissen, aber oft
vermeintlichen Wissen. Natürlich gibt es in unseren stabilen Ländern und Zeiten Möglichkeiten, wo
mit einer fast restlosen Sicherheit auf die Fortdauer einmal direkt wahrgenommener Umstände
geschlossen werden kann, falls keine Umstände bekannt sind, die dem entgegenwirken. Dies ist
aber nicht Folge eines notwendigen überall bestehenden Zustandes, sondern ist eine spezielle
Eigenschaft dieser Gegend zu dieser Zeit, ist also im weitesten Sinne Zufall.
Es zeigt sich also, daß reale Umstände, die nicht unmittelbarer Wahrnehmung zugänglich sind
(denn nachdem Vergangenheit und Zukunft, ferner in der Gegenwart alles nicht unmittelbar
Wahrgenommene ausgeschlossen ist, bleibt nur das unmittelbar Wahrgenommene übrig) nicht mit
voller Sicherheit des Geschehens ausgesprochen werden können und es erhebt sich die Frage, wie
wir in der Lage sind, überhaupt etwas darüber auszusagen. (1)§ 3. Zur Terminologie
1. Natürlich können wir nur nach und nach unsere Terminologie genau festlegen, soweit es nötig
ist. Ich werde aber stets versuchen, soweit als möglich, mit Ausdrücken zu arbeiten, die als
eindeutig gebraucht werden.
Wenn ich das Adjektivum „allgemein“ von einem Urteil aussage, so sagt das zunächst nur, daß eine
Mehrheit von Fällen in Betracht kommt. Aber diese können zunächst in zweierlei Weisen aufgefaßt
werden:
a) eine Mehrheit von Personen, welche das Urteil als geltend anerkennen,
b) eine Mehrheit von Einzelfällen, welche das Urteil in ein Gesamturteil zusammenfaßt.
Im Fall a) wollen wir das Urteil als „apperzeptiv- oder anerkennungs- allgemein für den
betreffenden Personenkreis“ bezeichnen.
Im Fall b) wollen wir das Urteil als „bestehens-allgemein“ für den betreffenden Kreis von
Einzelfällen bezeichnen. Man könnte die Fälle a) und b) auch durch die Termini communis und
generalis unterscheiden.
Die Möglichkeiten weiterer Unterscheidungen werden sich uns noch ergeben im Verlauf unserer
Überlegungen.
2. Wir wollen ferner einen Terminus schaffen, der die Begründetheit von Sätzen eindeutig
ausspricht. Bei der Vielverworrenheit der Nomenklatur ist es notwendig, dazu besondere
Vorkehrungen zu treffen. Das Problem dieser Begründungen ist nun u. a. das Zentralproblem dieses
Buches. Wenn ich etwa von einem Satz sagen möchte, daß er völlig ohne Grund sei und sage dies
mit den Worten: „der Satz ist völlig unbewiesen“, dann erwidert mir mein Gegendisputant: „Der
Satz kann gar nicht bewiesen sein, da er ein Axiom ist.“ Er versteht also unter „beweisen“ einzig
und allein das „logische Ableiten“ eines Satzes mittels einer Kette von logischen Schlüssen. Ich
sage etwa, daß der Satz „unbegründet“ sei. Er erwidert darauf etwa, daß der Satz überhaupt keiner
Begründung brauche, da er in keinem Kausalverhältnis zu einem anderen Satz stehe. Er hat also
wiederum meine Meinung nicht verstanden oder verstehen wollen. Da wir nun der Ansicht
huldigen, daß jeder Satz, der vor wissenschaftlichem Forum verantwortlich aufgestellt wird, in
seinem Inhalt müsse gerechtfertigt werden können, so ist es natürlich naheliegend, daß man
gelegentlich den Fall findet, wo eine solche Rechtfertigung überhaupt nicht vorhanden ist. Und
dies, ohne jede Nebenbedingung sollten die obigen Formulierungen ausdrücken. Der Opponent
versteht jede derselben mit irgendeiner speziellen Nebenbedingungen und könnte sich damit den
Konsequenzen entziehen. Das mag nun bei Gelegenheiten, wo das Streitreden ansich Selbstzweck
ist, bequeme Art des Vorgehens sein. Seine Verwendung zeigt jedoch immer, daß der Opponent sich
fürchtet, das eigentlich gemeinte Problem wirklich zur Diskussion kommen zu lassen und damit
scheidet er eigentlich aus unserem Interessenkreis aus. Wir wollen als folgendes festsetzen: Wirverstehen die allgemeinen Ausdrücke: beweisen, begründen, stets im allgemeinsten Sinn als
„letztes Rechtfertigen“, als Beantwortung der quaestio quid iuris [Rechtfertigungsfrage – wp]
ohne jede Einschränkung hinsichtlich der Art, wie das geschehen soll. Soll eine Spezialisierung
dieser Art vorgenommen werden, dann werde dies stets durch ein Beiwort angedeutet.
§ 4. Das Geltungsproblem und die Stufenleiter der Begründungen
Historisch grundlegend für die ganze philosophische Entwicklung ist bekanntlich die Philosophie
der Griechen. Und grundlegend für die Philosophie der Griechen war in vieler Hinsicht die
Entwicklung der griechischen Mathematik.
In dieser fanden folgende Stufen des Werdens statt. Der erste Schritt, durch den die Geometrie zur
theoretischen Wissenschaft wurde (und dieses eben bewirkt zu haben, ist die unfaßlich große
Leistung der Griechen, die damit die erste reine Wissenschaft überhaupt schufen) besteht in der
Entdeckung wurde angeblich zu THALES Zeiten (ca. 600 v. Chr.) gemacht, denn PROKLUS
DIADOCHUS erzählt uns in seinem Mathematikerverzeichnis, daß THALES den Satz, daß der
Kreis durch seinen Durchmesser halbiert werde, bewiesen habe. Auch noch einige andere solcher
Sätze werden von PROKLUS angeführt. (2)
In Wirklichkeit dürfte PROKLUS hier sagenhafte Überlieferung wiedergegeben haben. Wir sind
heute ziemlich sicher, daß die Idee des Beweisens im genannten Sinn kaum lange vor DEMOKRIT,
wenn nicht überhaupt erst bei ihm aufgetaucht ist, wie denn bei diesem Denker die Begriffe
Element und System und die mit ihnen korrelativ verknüpften von Analyse und Synthese zum ersten
Mal erfaßt zu sein scheinen. (3) Ohne Zweifel waren es erst die sogenannten älteren Pythagoreer
welche die Anfänge der Methode des Beweisens entwickelten. Ansätze finden sich gleichzeitig bei
den Eleaten.
Ist die Möglichkeit des Beweises überhaupt einmal entdeckt, wird sie bald zur Forderung erhoben,
da sie allein vor falschen Sätzen zu schützen vermag. Schon bald, wohl bei den Schülern des
Pythagoras, sehen wir einen Triumph der schließenden Methode, indem diese zeigen können, daß
die Diagonale des Quadrats mit dessen Seite inkommensurabel sei. Dieser Satz kann niemals
anschaulich erschaut, er muß also erschlossen und damit also „bewiesen“ worden sein.
ARISTOTELES überliefert uns (4) sogar den Kern des Beweises in den Worten, daß diese
Inkommensurabilität bestehe, weil sonst Gerades Ungeradem gleich sein müßte.
So bildeten sich nach und nach gewisse Gedankenketten, welche solche Beweise darstellten, d. h.
gewisse kompliziertere Lehrsätze auf einfachere oder mindestens andere zurückführten. Beim
lebhaften Betrieb der Sache in allen Philosophenschulen mehrten sich solche Beweisketten schnell
und es muß dann eine Zeit eingetreten sein, wo der eine Mathematiker den Satz A aus dem Satz
B, der andere den Satz B aus dem Satz A (im weiteren Sinn) ableitete. Es mußte die Frage
entstehen, wie man aus dem so erwachsenen Wirrsal herauskommen könne. Leider haben wir aus
dieser Periode, die kurz vor PLATO und gleichzeitig mit ihm gedauert haben mag, nur recht wenig
Reste der mathematischen Forschung und diese sind zwar historische, aber lange nicht somethodologisch durchforscht. Es scheint, daß es dann im wesentlichen PLATO und seine
mathematischen Freunde waren, die den Gedanken faßten, daß dieser Wirrwarr behoben werden
könne, wenn alle diese Ansätze in einem umfassenden System vereinigt wurden, woraus sich dann
die Eigenschaften eines solchen logischen Systems (relativ kleine Gruppe von selbst darin
unbewiesenen Ausgangssätzen – Axiomen, alles weitere lediglich abgeleitete Sätze und
Definitionen) mit Notwendigkeit ergaben. Eine wichtige Vorbereitung hierzu war sicher das
Elementarlehrbuch des HIPPOKRATES von Chios (zweite Hälfte des 5. Jahrhunderts), von dem
PROKLUS im Mathematikerverzeichnis seines Kommentars zum 1. Buch des EUKLID als dem
ersten jemals verfaßten uns erzählt. Schon in der Tatsache des Zusammenfassens der
verschiedenen vorhandenen Teile der Geometrie liegt ein wichtiger Schritt zum schöpferischen
Gedanken des „Systems“ und wenn PLATO (geboren 429), der, als altathenischer Familie
stammend, in Athen aufwuchs, bei HIPPOKRATES (der nach einer von JAMBLICHUS
überlieferten Anekdote von den Pythagoreern in Athen gemieden wurde, weil er gegen Bezahlung
Unterricht in der Mathematik erteilte), mathematische Unterweisung fand, dann haben wir einen
klaren Einblick in das Werden der Dinge und müssen auch dem HIPPOKRATES ein gut Stück
Verdienst an der Platonischen Auffassung zuschreiben. (5) Bei PLATO dem Philosophen wirkt sich
diese Kenntnis vom geometrischen System zunächst zu seinem großzügigen, erkenntnistheoretischen
und metaphysischen Idealismus aus. Sein Schüler ARISTOTELES ist in dieser Hinsicht schon
nüchterner geworden, er sieht in diesem großen rationalen Gedankensystem, zu dem sich die
Hippokratisch-platonische Idee des Systms der Geometrie und nach deren Vorbild die Erkenntnis
überhaupt zu entwickeln begann, mehr die Methode. In seiner zweiten Analytiken hat
ARISTOTELES in grandioser Weise die logischen Folgerungen aus dieser dem System der
Geometrie nachgebildeten Vorstellung vom „System der Vernunfterkenntnis“ gezogen. Ihm sind die
rationalen Formen ebenfalls die eigentlichen „Dinge ansich“ (und das proteron te physei ist das,
was on diesen gesehen das „Nähere“ ist). Ihm erscheint eine genaue Leiter zu liegen zwischen den
Dingen der Wahrnehmung und den letzten rationalen Prinzipien (den archai), auf der man nach
Belieben durch Induktion (epagoge) und durch Deduktion (apodeixis) auf- und abzusteigen vermag.
Bei ARISTOTELES stellt sich nun die Sache so dar, daß ihm das Allgemeine (=gemeralis), die Idee
im eleatischen Sinn, das wahre Sein darstellt. Ihm eigentlich ist dann der Gedanke, daß dieses
zugleich die Ursache des Geschehens sei, „dasjenige also, um mit WINDELBAND zu reden, woraus
und wodurch das wahrgenommene Einzelne begriffen oder erklärt werden soll. Die Wissenschaft
hat darzustellen, wie aus dem begrifflich erkannten Allgemeinen das wahrgenommene Einzelne
folgt. Das Allgemeine ist aber andererseits im Denken der Grund, durch welchen und aus
welchem das Besondere bewiesen wird. Danach ist das Begreifen und das Beweisen dasselbe:
Ableitung des Besonderen aus dem Allgemeinen.“
So werden dann durch Ableitung, Deduktion immer aus Sätzen von größerer Allgemeinheit solche
von geringerer Allgemeinheit gewonnen. Hierin eben besteht der charakteristische Gedanke, den
wir als den der Leiter, der Kette der Begründungen bezeichnen wollen (Regressus).
Dieser Gedanke der Leiter, der Kette der Begründungen hat nun notwendig eine überaus
weitgehende Wirkung in der ganzen Philosophie ausgeübt. Er stammt ja selbst aus zwei Quellen.
Einmal aus der Mathematik, dann aber aus den logischen Studien der Griechen, die sich aus denStreitreden und in den Regeln darüber, welche die Sophisten fanden, entwickelten. Hier sind für uns
hauptsächlich diejenigen Konsequenzen von Wichtigkeit, welche über die Verhältnisse an den
beiden „Enden“ dieser Leiter etwas aussagen. Denn man hat folgende Konsequenz: Entweder ragt
die Leiter in der Richtung nach dem immer Allgemeinern hin ins Unendliche, oder aber, sie bricht
an irgendeiner Stelle ab.
Würde nun die Leiter dort ins Unendliche ragen, dann könnte diese Reihe also von uns in endlicher
Zeit niemals so durchlaufen werden, daß in dieser Richtung alle Sprossen erreicht wären. Es wäre
dann, da jede einzelne Begründung für sich durchlaufen werden muß und in endlicher Zeit nur eine
endliche Reihe von solchen Gliedern durchlaufen werden kann, eine letzte Begründung überhaupt
unerreichbar. Da nun aber die Begründung eines Satzes gerade so schwach ist, wie das schwächste
Glied der ihn begründenden Kette (genau wie die Festigkeit einer Kette abhäng von der ihres
schwächsten Gliedes), so würde also für einen Satz, dessen letzte Begründung unerreichbar wäre,
eine letzte Begründung niemals zu geben sein, er würde also im ganzen als unbegründet zu
bezeichnen sein. Man nennt eine solche unbegrenzte Kette von aufeinander beruhenden
Begründungen einen „unendlichen Regreß“ und das Gesagte beweist, daß ein auf einem solchen
gegründeter Satz als unbegründet bezeichnet werden muß.
Angesichts dieses Umstandes mußte natürlich, sobald einmal der Gedanke einer solchen
Begründungskette gefaßt war, die Frage auftauchen:
1. wo hört diese Kette der Begründungen auf,
2. wie wird die letzte (oder besser vorletzte) dieser Begründungen (also eigentlich die erste,
auf der alles andere beruth) selbst in ihrer Sicherheit begründet?
Diese zweite Frage, welche die erste nochmals mit umfaßt, ist die eigentliche Zentralfrage aller
Philosophie. Man kann geradezu die ernsthafteren Versuche einer philosophischen Systembildung
daran unterscheiden von den weniger ernsthaften, ob sie zu dieser Frage ausführlich Stellung
nehmen oder nicht, ob sie diese Frage in ihrer ganzen zentralen Wichtigkeit überhaupt erkennen
und ob sie einen wirklichen Versuch zu ihrer Lösung machen, oder sich durch eines der mehreren
zu diesem Zweck von manchen Denkern hergestellten Schlafmittel beruhigen lassen.
Wir werden die üblichen vorhandenen Lösungsversuche dieser Frage, die wir kurz als die
Zentralfrage bezeichnen wollen, näher dahin zu besprechen haben, inwieweit sie der Kritik
standhalten und wir werden sehen, daß sie nicht standhalten. So bleibt uns nichts übrig, als alles,
was nicht völlig unumstößlich ist, ohne Zögern beiseite zu räumen. Nur wenn wir in dieser Hinsicht
völlig tabula rasa machen, werden wir hoffen dürfen, endlich den wirklich letzten sicheren Grund
gewinnen zu können.
LITERATUR – Hugo Dingler, Der Zusammenbruch der Wissenschaft und der Primat der
Philosophie, München 1926
Anmerkungen
1) Hier nur zwei Zitate für viele: „Wie kommt das Erkennen, das doch als einintersubjektives Bewußtseinsvorkommnis verläuft, zu diesem Vorzug, dessen kein anderer
intersubjektiver Vorgang sich rühmen kann? Wie kommt das Erkennen dazu, sein
unmittelbares Dasein gleichsam zu überwinden? Hat es wirklich die wunderbare
Eigenschaft, sich dorthin zu erstrecken, wo es nicht ist? Hat es die Eigenschaft des
Geltens?“ so fragt JOHANNES VOLKELT in „Gewißheit und Wahrheit“, München 1918,
Seite 25. – „Wie es zugeht, daß die Naturgesetze, die der Geist nach seinem Gesetz aus dem
Material der Erfahrung schafft, durch neue Erfahrungen bestätigt werden oder wie es
geschieht, daß jene Rechnung, obgleich sie nicht von den Tatsachen, sondern vom
denkenden Geist angestellt wird, in ihrem Ergebnis immer wieder mit den Tatsachen
zusammentrifft, das freilich ist ein Rätsel. Ja, es ist das große Rätsel“, sagt THEODOR
LIPPS in seinem Vortrag „Naturwissenschaft und Weltanschauung“, Heidelberg 1906, Seite
10.
2) Siehe z. B. M. CANTOR, Vorlesungen über die Geschichte der Mathematik I, 3. Auflage,
Seite 138.
3) Siehe ERICH FRANK, Plato und die sogenannten Pythagoreer, Halle 1923, Seite 77, 81
4) ARISTOTELES, Erste Analytiken I, Seite 23
5) So zeigt sich diese Tätigkeit des Verfassers des ersten Lehrbuchs der Geometrie nicht als
etwas so Nebensächliches, wie es meist dargestellt wird (z. B. M. CANTOR, a. a. O. Seite
202), sondern dürfte die schöpferische Haupttat des HIPPOKRATES enthalten.

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