Keimschädigung durch Gifte

Keimschädigung durch Gifte

Gifte vermögen vielfach schon eine Keimschädigung hervorzubringen, während die körperliche Gesundheit des Menschen noch nicht geschädigt erscheint. Die Wirkung der Gifte kann sogar zu dauernder Erbänderung (Idokinese) führen (Lenz), häufig jedoch handelt es sich nur um vorübergehende Nachwirkungen (Paraphorie), die sich über mehrere Geschlechterfolgen erstrecken können. An erster Stelle ist die schädigende Wirkung dauernden Alkoholmißbrauch zu erwähnen. Bertholet konnte unter 100 Leichen von Trinkern 64 mal völligen Schwund der Samenzellen des Hodens feststellen. Es ist klar, das zwischen Beginn der Schädigung und vollkommener Abtötung eine Zeit liegen musß, in der bei erhaltener Befruchtungsfähigkeit die Erbmasse mehr oder weniger weitgehend geschädigt ist. Die größere Säuglingssterblichkeit unter der Nachkommenschaft von Trinkern ist keineswegs nur die Folge der in der Regel sehr ungünstigen äußeren Aufwuchsverhältnisse, sondern mit bedingt durch Keimschädigung. Tierversuche, unter denen die von Stockart und von Bluhm besonders hervorgehoben seien, beweisen unwiderleglich, das unter Alkoholeinfluß die Lebenskraft der Würfe gewaltig vermindert wird. Es spielt dabei keine Rolle, ob die männlichen oder weiblichen Tiere dem Einfluß des Giftes ausgesetzt werden. Kostitsch konnte Störungen der Kernteilung bei alkoholisiertenRatten beobachten.

 

keimzellen alkohol - grundzüge der erblichkeitslehre.png

  1. Der Linke mikroskopische Ausschnitt zeigt die Keimzellen von einem Normalen Hoden eines gesunden Mannes.
  2. Rechts sind die entarteten Keimzellen im Hoden eines 20 jährigen Trinker zu sehen.(Mikroskopische Bilder nach Präparaten von Prof. Weichselbaum)

    Die im linken Bild gut entwickelten Samenkanälchen, denen die Bildung der Samenzellen vor sich geht, sind bei dem Trinker (rechts) stark geschrumpft. Das dazwischen liegende Bindegewebe ist gewuchert.

    Beim Menschen ist also die Möglichkeit der Keimschädigung durch Alkohol mit Sicherheit anzunehmen. Dagegen bietet die Frage Schwierigkeit zu entscheiden, inwieweit Alkoholismus auf Grund einer angeborenen ererbten Minderwertigkeit entsteht. Es steht außer Zweifel, das besonders Psychopathen der Verführung durch den Alkohol verfallen. Man ist deshalb vielfach geneigt, jeden Trinker als von vornherein minderwertig anzusehen, doch dürfte eine solche Verallgemeinerung keineswegs richtig sein. Bedenklich ist besonders die Auffassung, welche die Minderwertigkeit der Nachkommen von Trinkern überhaupt bringen will und auch eine daneben noch wirksame Keimschädigung durch Alkohol in Abrede stellt. Gerade die Tierversuche beweisen das Gegenteil und die Frage kann daher nur lauten: Inwieweit entsteht Trunksucht auf dem Boden ererbter Minderwertigkeit, während die Frage der Keimschädigung als endgültig entschieden ausscheidet.
    Seit Jahrhunderten spielt Unmäßigkeit im Alkoholgenus in unserem Volke eine gewaltige Rolle. Wir werden daher nicht fehl gehen, wenn wir der Annahme zuneigen, daß eine große Zahl kranker Erbanlagen der Trunksucht unseren Vorfahren zuzuschreiben ist. Selbstverständlich ist Alkohol nicht das einzige Gift, welches Keimschädigung hervorzubringen vermag. Als dem verbreitetsten Genußgift ist ihm aber der weitaus größte Einfluß zuzuschreiben. Jollos konnte durch Arsen bei Pantoffeltierchen echte Erbänderungen erzeugen. Eine Reihe gewerblicher Gifte, wie Blei, Quecksilber, Schwefelkohlenstoff. Benzol, Anilin, Nikotin (die Tabakarbeiterinnen neigen zu häufigen Fehlgeburten!), sind einer Keimschädigung wenigstens verdächtig. Exakte Tierversuche über die Wirkung der gewerblichen Gifte auf die Nachkommenschaft scheinen dringend wünschenswert. Es ist sogar denkbar, daß langer Gebrauch bestimmter Arzneimittel Keimschädigung zustande bringt. Ihnen gleichzustellen sind wohl Roentgen und Radiumstrahlen. Abtötung der Samen und Eizellen durch Röntgenstrahlen ist möglich. Man macht in der Medizin manchmal von dieser Fähigkeit Gebrauch. Geringere Einwirkungsdauer als die zur Abtötung erforderliche ist der Keimschädigung verdächtig. Versuche von Oscar Hertwig sprechen in diesem Sinne, da es ihm gelang, durch Röntgenstrahlung von Samen- und Eizellen bei Amphibien künstliche Mißbildungen zu erzeugen. Bei der immer häufigeren medizinischen und technischen Anwendung der Röntgenstrahlen kommt dieser Frage erhöhte Bedeutung zu. Sehr unklar ist noch die Frage, inwieweit ansteckende Krankheiten durch die von ihren Erregern erzeugten Giftstoffe die Erbmasse beeinflussen. Bei den chronischen (langsam verlaufenden) Krankheiten, namentlich Syphilis und Tuberkulose, ist die Vermutung einer Keimschädigung geäußert worden. Genaueres wissen wir noch nicht. Der Forschung steht hier ein weites Feld offen.

    Q.: Grundzüge der Erblichkeitslehre – Dr. med. Fetscher – dt. Verlag f. Volkswohlfahrt – Dresden – 1929

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